List Forum

List Forum 03/2020

Michael Hüther

Der lange Schatten der Hyperinflation

Mark A. Andor, Lukas Fink, Manuel Frondel, Andreas Gerster, Marco Horvath

Kostenloser ÖPNV: Akzeptanz in der Bevölkerung und mögliche Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten

Simon Loretz, David Stadelmann

Zur gesellschaftlichen Akzeptanz von einmaligen Vermögensabgaben

Michael Drewes, Frank Daumann, Florian Follert

Sportökonomische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie am Beispiel der Fußball-Bundesligen

Edoardo Beretta

Inflation bald als Folgeeffekt der COVID-19-Pandemie?

Christina Boll

Die ökonomische Situation von Familien zwischen März und Mai 2020, den ersten zwei Monaten der COVID 19-Pandemie

Eugen Wendler

Wie Friedrich List (1789–1846) den Brexit und den Verhandlungsmarathon zwischen Großbritannien und der EU kommentieren würde

 

 

Michael Hüther: Der lange Schatten der Hyperinflation

Deutschland weist im Umgang mit finanziellen Fragen einige Besonderheiten auf. Dazu gehören die geringen Erträge der umfangreichen internationalen Anlagen dieser exportorientierten Volkswirtschaft, die auch Jahrzehnte nach dem ersten Befund unzureichende Bereitstellung von Risikokapital und die im Vergleich mit vielen vergleichbar entwickelten Volkswirtschaften sehr restriktive Regulierung öffentlicher Kreditaufnahme. Die drei Aspekte haben insofern ein gemeinsames Muster, als sie auf eine mangelnde Bereitschaft deuten, auf künftiges Wachstum zu setzen und damit auch eine Risikoakzeptanz deutlich zu machen. Wie kann diese hohe Präferenz für Sicherheit erklärt werden? Dafür wird in der Tradition von Geert Hofstede nach den prägenden kulturellen Haltungen gefragt und als historischer Hintergrund für Deutschland die zweifache Hyperinflationserfahrungen im 20. Jahrhundert identifiziert. Welche wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten es trotz habitueller Fixierungen gibt, wird abschließend erörtert. Die Antwort liegt in einer Mobilisierung staatlicher Investitionen, einer Innovationsinfrastruktur und einem positiven Unternehmerbild.

 

Mark A. Andor, Lukas Fink, Manuel Frondel, Andreas Gerster, Marco Horvath: Kostenloser ÖPNV: Akzeptanz in der Bevölkerung und mögliche Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten

Der PKW-Verkehr dominiert auch heute noch das Verkehrsaufkommen in Deutschland. Ein häufig diskutierter Vorschlag, um dies zu ändern, lautet, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) kostenlos anzubieten. Auf Basis einer Erhebung aus dem Jahr 2018, bei der knapp 7000 Haushaltsvorstände des forsa-Haushalts-Panels Antworten zu ihrem Mobilitätsverhalten sowie zu ihrer Einstellung gegenüber vieldiskutierten Verkehrsmaßnahmen liefern, untersucht der vorliegende Beitrag die allgemeine Zustimmung zur kostenlosen Nutzung des ÖPNV sowie die möglichen Auswirkungen dieser Maßnahme auf das Mobilitätsverhalten. Die Ergebnisse zeigen eine starke Befürwortung der Maßnahme: Rund 72 % der Antwortenden stimmten für die Einführung eines kostenlosen ÖPNVs. Eine mehrheitliche Zustimmung findet sich in jeder gesellschaftlichen Gruppe, gleich ob männlich oder weiblich, jung oder alt, arm oder reich, sowie in allen politischen Lagern. Nach Einführung eines kostenlosen ÖPNV in Deutschland würden die Befragten die Anzahl ihrer Fahrten mit dem ÖPNV nach eigenen Angaben durchschnittlich um ca. 230 % steigern. Wenngleich es sich um rein hypothetische Antworten handelt und die Ergebnisse daher mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden sollten, deuten diese auf einen relativ starken potenziellen Anstieg der ÖPNV-Nutzung hin. Abschließend diskutieren wir, warum es trotzdem nicht sinnvoll erscheint, den ÖPNV kostenlos anzubieten und welche alternativen Politiken erfolgsversprechender erscheinen.

 

Simon Loretz, David Stadelmann: Zur gesellschaftlichen Akzeptanz von einmaligen Vermögensabgaben

Die Bewältigung der COVID-19 Krise verursacht erhebliche fiskalische Kosten. Um diese Budgetdefizite zu schließen, werden mitunter auch in Deutschland einmalige Steuern auf größere Vermögen gefordert. Vergangene Erfahrungen mit einmaligen Vermögensabgaben beziehen sich oft auf außergewöhnliche Nach-Kriegssituationen. Die finanziellen und gesellschaftlichen Ergebnisse solcher Abgaben waren bestenfalls gemischt. Über die breite, gesellschaftliche und politische Akzeptanz von einmaligen Vermögensabgaben ist wenig bekannt. Wir betrachten den einzigartigen, historischen Fall einer Volksabstimmung zu einer einmaligen Vermögensabgabe. Die überwältigende Ablehnung einer hohen einmaligen Vermögensabgabe in einem demokratischen Land legt nahe, dass die Bevölkerung von den Argumenten der Gegner, allen voran die Unmöglichkeit ihre Einmaligkeit zu garantieren, überzeugt wurden.

 

Michael Drewes, Frank Daumann, Florian Follert: Sportökonomische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie am Beispiel der Fußball-Bundesligen

Die COVID-19-Pandemie hat unter anderem auch erheblichen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation des Sports im Allgemeinen und dem professionellen Fußball im Besonderen. Dieser Beitrag macht sich zur Aufgabe, die wesentlichen Auswirkungen der Pandemie auf den Profifußball in Deutschland zu beleuchten. Hierzu werden die allgemeinen Auswirkungen der Pandemie auf den Sport kurz umrissen, um anschließend die Konsequenzen für den deutschen Profifußball auszuleuchten. Dabei wird ausgehend von den Rahmenbedingungen und Besonderheiten der Teamsportindustrie auf mögliche Lösungswege, wie mit etwaig entstehenden Problemen aufgrund der Pandemie umgegangen werden kann, eingegangen. Im Ergebnis sehen die Autoren klare Vorteile für brancheninterne Lösungen wie einen Solidarfonds oder Maßnahmen der Selbstregulierung gegenüber möglicherweise angestrebten staatlichen Subventionierungen.

 

Edoardo Beretta: Inflation bald als Folgeeffekt der COVID-19-Pandemie?

Obwohl man im Zuge der COVID-19-Pandemie aufgrund des dramatischen Einbruchs aller Wirtschaftsprognosen weltweit bislang von rezessiv-deflationären Auswirkungen ausgegangen ist, lassen sich Inflationsrisiken keineswegs ausschließen. Welche Folgeeffekte kann die Kombination aus milliardenhohen Liquiditätsspritzen bei starkem Produktionsrückgang sowie streng einzuhaltenden (und ebenso kostenträchtigen) Sicherheits- und Schutzauflagen entfalten? Und wieso sollte aus makroökonomischer Sicht zwischen „Inflation“ und „steigenden Lebenshaltungskosten“ unterschieden werden? Im vorliegenden Beitrag wird mithilfe eines logisch-analytischen Denkansatzes auch argumentiert, wie sich derartige Inflationsszenarien wirtschaftspolitisch abwenden ließen. Denn eins ist genauso sicher: die Relation zwischen Naturkatastrophen und Inflation besteht seit je. Umso mehr, falls Inflationserscheinungen – wie heutzutage – nur zum Teil erkannt werden.

 

Christina Boll: Die ökonomische Situation von Familien zwischen März und Mai 2020, den ersten zwei Monaten der COVID 19-Pandemie

Der Artikel gibt einen Überblick über die wirtschaftliche Situation von Familien von Mitte März bis etwa Mitte Mai 2020, also den ersten zwei Monaten der COVID 19-Krise. Die Familieneinkommen sind wegen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit akut gefährdet. Auf der Einkommensseite greifen die Entschädigungen für Entgeltausfall durch Kita- und Schulschließungen im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes nur partiell. Auch das gesetzliche Kurzarbeitergeld hilft nur bedingt, da Eltern unterschiedlich stark und manche gar nicht von ihm profitieren können, und die beschlossene Aufstockung kommt den Familien erst zeitverzögert zugute. Auch staatliche Familienleistungen wie der Notfall-Kinderzuschlag oder die jüngst beschlossene Elterngeldreform können die Einkommenseinbußen der Familien nur teilweise auffangen. Auf der Ausgabenseite drücken die Familien unveränderte Fixkosten. Zu den finanziellen Sorgen kommt in den Familien enorme Belastungen: Familien müssen Kinderbetreuung, Home Schooling, Haus- und Erwerbsarbeit allein schultern. Es zeichnet sich ab, dass Frauen weiterhin die Hauptlast der unbezahlten Arbeit tragen. Die jüngst vereinbarte Verlängerung der Entschädigungszahlungen nach dem Infektionsschutzgesetz wird den Familien helfen. Ein stufenweises Wiederhochfahren von Kitas, Schulen und Wirtschaft bleibt jedoch essenziell für die Rückkehr der Eltern in das Erwerbsleben und damit für die Sicherung der materiellen Existenzgrundlage von Millionen Familien.

 

Eugen Wendler: Wie Friedrich List (1789–1846) den Brexit und den Verhandlungsmarathon zwischen Großbritannien und der EU kommentieren würde

In buchstäblich letzter Minute haben sich die englische Regierung und die Europäische Union auf ein umfangreiches Abkommen geeinigt, um einen ungeregelten Brexit zu verhindern. Nach dem jahrelangen zähen Verhandlungsmarathon fällt der Jubel verhalten aus, dennoch herrscht auf beiden Seiten des Ärmelkanals Erleichterung, weil ein Modus Vivendi gefunden wurde, auf dem sich die künftigen Beziehungen aufbauen und fortführen lassen. Ob sich die englischen Blütenträume, die an den Brexit geknüpft wurden, erfüllen werden, wird die Zukunft erweisen.

Die Strategie und Taktik der englischen Regierungen zum Brexit und bei den Austrittsverhandlungen spiegeln sich in den Erfahrungen wider, die Friedrich List vor genau 175 Jahren bei seinen Bemühungen um eine deutsch-englische Allianz machen musste. Wegen der von England schon damals strikt befolgten Insular‑ und Handelssuprematie musste er sich eingestehen, dass England diese Position hartnäckig verteidigt und deshalb frustriert und ernüchtert seine Pläne aufgeben. Deshalb setzte er seine Hoffnung auf eine „Kontinentalallianz“ der europäischen Nationen, wie sie nun nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union entstanden ist. Vielleicht werden wir uns nun an den Begriff „Kontinentalallianz“ gewöhnen müssen und dabei an die Weitsicht von Friedrich List erinnert.

Andererseits gilt auch für die englische Politik das Motto von Lists zweiter Pariser Preisschrift: „Le monde marche – Die Welt bewegt sich“, allerdings mit völlig anderen Vorzeichen als vor 175 Jahren: Die Welthandelsachse hat sich von der westlichen auf die östliche Halbkugel verlagert; das britische Weltreich ist Geschichte, die Fließgeschwindigkeit des globalen Wandels hat sich dramatisch beschleunigt und trotz der Lingua Franca erscheint England, vor allem aus asiatischer Sicht, nur noch als kleiner Fleck auf der Weltkarte. Falls die schottische Regierung ihre Absicht durchsetzen und die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich erreichen sollte, würde sich der Brexit als verhängnisvoller Bumerang erweisen.