List Forum

List Forum 02/2017

Ralf Dewenter, Melissa Linder
Bestimmung von Marktmacht in Plattformmärkten

Oliver Budzinski, Sonja Schneider
Smart Fitness: Ökonomische Effekte einer Digitalisierung der Selbstvermessung

Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur
Die Chancen der Digitalisierung im Taximarkt nutzen: Liberalisieren und Verbraucherschutz stärken

Justus Haucap, Ferdinand Pavel, Rafael Aigner, Michael Arnold, Moritz Hottenrott, Christiane Kehder
Chancen der Digitalisierung auf Märkten für urbane Mobilität: Das Beispiel Uber

Susanne Cassel, Tobias Thomas
Mehr Wettbewerb auf dem Taximarkt zulassen

Justus Haucap, Susanne Cassel, Tobias Thomas
Chancen der Digitalisierung nutzen

 

Ralf Dewenter, Melissa Linder: Bestimmung von Marktmacht in Plattformmärkten

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung digitaler Märkte und der wachsenden Anzahl an digitalen Plattformen, müssen sich Wettbewerbsbehörden in letzter Zeit immer intensiver mit Plattformmärkten auseinandersetzen. Und auch das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen soll dieser Tatsache Rechnung tragen. Bei der Bestimmung von Marktmacht sollen demnächst auch Netzeffekte eine Rolle spielen. Anders als in einseitigen Märkten, ist die Marktmachtmessung jedoch weder anhand einfacher Konzentrationsmaße, noch mithilfe von komplexeren Methoden wie z. B. dem SSNIP-Test durchzuführen. Das vorliegende Papier nimmt sich dieser Frage an. Es beleuchtet dazu die marktmachtbestimmenden Faktoren zweiseitiger Märkte. Ebenso werden die herkömmlichen Methoden zur Marktmachtbestimmung vorgestellt und die damit einhergehenden Probleme diskutiert. Letztendlich wird eine alternative Herangehensweise vorgestellt, die geeignet ist, Marktmacht in zweiseitigen Märkten zu analysieren. Dieser Ansatz sieht vor, zunächst den gesamten zweiseitigen Markt inklusive der Teilmärkte zu bestimmen. Anschließend werden die wesentlichen Wettbewerber identifiziert. In einem dritten Schritt werden dann die relevanten Faktoren für Marktmacht identifiziert anhand derer eine Bewertung abgegeben werden kann.

Because of the growing importance of digital markets, competition authorities are faced with an increasing number of cases connected with two-sided markets. An important prerequisite of most of these cases is the determination of market power. However, adequate methods of analyzing market power which are typically applied with one-sided markets cannot be easily applied to two-sided businesses. Recent methods invented for the analysis of two-sided markets are often too complex and have therefore only little practical use. For this reason, the paper provides an alternative approach to determine market power in two-sided markets. At first, the two-sided market needs to be determined as a whole. Both market definition as well as determination of market power cannot be restricted to one market side. Knowledge of the underlying business model is therefore important. Market definition, however, should help to identify the main competitors. A precise definition of the relevant market instead is not necessary. In a third step, the relevant factors for market power are identified and finally the degree of market power can be estimated.

Oliver Budzinski, Sonja Schneider: Smart Fitness: Ökonomische Effekte einer Digitalisierung der Selbstvermessung

Smart Fitness bezeichnet die digitale Erfassung individualisierter Fitness- und Lifestyledaten mit Hilfe von Wearables, Smartwatches, Apps und anderen Instrumenten. Die so generierten Daten sind für eine Reihe von Akteure wie Sportartikelhersteller, Pharmaunternehmen, Arbeitgeber sowie insbesondere auch Krankenversicherungen ökonomisch interessant. Wegen der hohen Aktualität sowohl des gesellschaftlichen Trends zur Selbstvermessung und -optimierung als auch der Verwendung personalisierter Daten im Zuge der Digitalisierung handelt es sich um ein dynamisch wachsendes und sich entwickelndes Gebiet, welches aber bisher kaum aus einer ökonomischen Perspektive untersucht wurde. In dem vorliegenden Beitrag wenden wir die ökonomische Theorie personalisierter Daten auf das Phänomen Smart Fitness an und leiten mögliche Effekte her, insbesondere auch für die Konsumentenwohlfahrt. Außerdem präsentieren wir eine nicht-repräsentative empirische Studie, welche einen ersten Einblick ermöglicht und dabei helfen kann, die empirisch relevanten Theorierichtungen zu identifizieren. Dabei stellen wir Bereiche heraus, in denen eher positive Wohlfahrtswirkungen zu erwarten sind, aber betonen auch solche, wo Wohlfahrtsgefahren lauern und daher Regulierungsrechtfertigungen bestehen. Letzteres gilt insbesondere, wenn personalisierte Fitness- und Lebensstildaten für die Individualisierung von Krankenversicherungstarifen oder Karriereentscheidungen durch Arbeitgeber verwendet werden.

Smart fitness refers to the digital collection of individualized fitness and lifestyle data by the help of so-called wearables, smartwatches, specific apps or other devices. The generated data is of significant business interest for a number of actors such as sports equipment producers, pharmaceutical firms, employers, health insurances, and many more. This topical and dynamically developing field has so far been neglected from an economic perspective. In this paper, we apply the economics of personalized data (also: economics of privacy) to the phenomenon smart fitness and derive economic effects, in particular regarding consumer welfare. Next to the theoretical and conceptual reasoning, we present a non-representative empirical study that allows for first insights into this topic and can help to identify the empirically more relevant avenues of economic theory (in regard to smart fitness). We emphasize areas in which positive welfare effects can be expected. However, we also identify areas where consumer welfare may be damaged without protective regulation. In particular cases where personalized fitness and lifestyle data are employed to individualize health insurance contributions or to inform promotion or employment decisions in companies, negative welfare aspects and negative political reactions by people must be considered.

Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur: Die Chancen der Digitalisierung im Taximarkt nutzen: Liberalisieren und Verbraucherschutz stärken

Die Digitalisierung und das Entstehen von App-Anbietern führen zu fundamentalen Veränderungen auf dem Markt für Personenbeförderung mit Pkw. Die Digitalisierung erleichtert die Vermittlung von Taxis, vermindert Leerfahrten und erhöht so die Produktivität. Flexible Preise können das Angebot an die Nachfrage anpassen und die Allokation von Taxis und Kunden verbessern. App-Anwendungen ermöglichen bessere und billigere Überwachungen durch Kunden und Behörden. Um die Früchte dieser Innovationen zu ernten formuliert der Wissenschaftliche Beirat nachfolgende Empfehlungen zur Reform des Regulierungsrahmens des Taximarktes: a) Quantitative Konzessionsbeschränkungen werden abgeschafft, es bleibt aber bei der Konzessionsvergabe für Taxiunternehmen abhängig von Fachkunde und Regelkonformität, die regelmäßig überprüft werden. b) Die Unterscheidung zwischen Taxi und Mietwagen mit Fahrer wird aufgehoben. c) Der Beirat begrüßt die Pflicht, lückenlos alle Fahrten einzeln aufzuzeichnen und diese in digitaler Form zur Prüfung den zuständigen Behörden bereitzustellen. Auch Unternehmen, die Taxifahrten vermitteln, sollten dieser Pflicht unterliegen. d) Die Tarife für Taxifahrten müssen nicht weiter staatlich bestimmt werden. Um eine faire Preisbildung zu gewährleisten, sollten die Informationspflichten an Taxiständen und bei Ruftaxis ausgeweitet und reguliert werden. e) Taxizentralen und webbasierte Taxivermittler werden nach der Preisfreigabe eine neue Rolle übernehmen: Sie werden die Preise festlegen, die die Kunden bezahlen müssen. Deshalb sollten sie als neue Kategorie ins PBefG aufgenommen werden. Sie sollten Daten jeder Fahrt bereitstellen, um eine Marktmachtmissbrauchskontrolle wie auch die allgemeine Regelkontrolle zu unterstützen. Nach einer solchen Reform ist damit zu rechnen, dass die Kunden von einem breiteren Angebot und geringeren Wartezeiten profitiere. Die bessere Vermittlung reduziert die Umweltbelastung und die Kosten der Taxifahrten.

Digitalization and the emergence of transportation network companies have led to fundamental changes in the market for passenger transport by car. Digitalization has improved the mediation of taxis, reduced empty runs and thus raised productivity. Flexible prices can adapt supply effectively to demand and improve the allocation of taxis to clients. The use of apps facilitates better and cheaper monitoring by both clients and the authorities. In order to exploit the potential of these innovations, the Scientific Advisory Board of the German Federal Ministry of Transport and Digital Infrastructure has formulated the following recommendations for reforming the regulatory framework of the taxi market: a) The quantitative limitation of concessions is to be scrapped, but the provision of concessions for taxi enterprises/drivers will remain and should depend on qualification of drivers and conformity with the rules, both of which will be evaluated regularly. b) The differentiation between taxis and “hired cars with drivers” will be dropped. c) The board welcomes the obligation to register all rides individually without exception, and to provide this information to the responsible authorities. Enterprises which only mediate taxi rides should also be subject to this obligation. d) The fares for taxi rides should no longer be stipulated by the state. In order to ensure fair price formation, the obligation of taxi stands and street hail taxis to provide information, should be extended and regulated. e) Radio-taxi dispatch service agencies and transportation network companies will assume a new role subsequent to the liberalization of prices. These firms will determine the prices that clients are to pay. Accordingly, they should both be included as a new category in the PBefG. Data for each ride should be provided, in order to control for and prevent market misuse, and to provide and support a general control of adherence to the rules. After such a reform, clients can be expected to benefit from a broader supply, and from reduced waiting times. The improved allocation of rides should reduce the environmental burden and the costs of taxi rides.

Justus Haucap, Ferdinand Pavel, Rafael Aigner, Michael Arnold, Moritz Hottenrott, Christiane Kehder: Chancen der Digitalisierung auf Märkten für urbane Mobilität: Das Beispiel Uber

Der Aufsatz beleuchtet die potenziellen Vorteile, die sich durch die Digitalisierung auf den Märkten für urbane Mobilität Verbrauchern und neuen Anbietern bei einer adäquaten Regulierung eröffnen. Zunächst führt der Markteintritt neuer Mobilitätsanbieter ganz grundsätzlich zu einer Intensivierung des Wettbewerbs im Bereich der Personenbeförderung, was eine Ausweitung des Angebots und geringere Preise erwarten lässt. In einer Stadt wie Berlin ergeben sich unseren Berechnungen zufolge bei den Verbrauchern allein aus den Preiseffekten des neuen Wettbewerbs monetäre Vorteile von bis zu 48 Mio. Euro pro Jahr, wenn es zum Regelbetrieb neuer Anbieter kommt. Kern der Preisvorteile sind in unseren Berechnungen nicht die Einsparungen, welche sich durch eine etwaige Umgehung kostspieliger Regulierungen ergeben, sondern die deutlich höheren Auslastungsraten, die Anbieter wie Uber erreichen. Während ein Taxi in Hamburg zu 72 % der Zeit ohne Fahrgast verbringt und nur 28 % Besetztzeit hat, erreicht Uber relativ schnell Auslastungsraten von bis zu 60 %, also fast doppelt so viel. Diese höhere Auslastung der Ressourcen „Fahrer“ und „Auto“ ermöglichen im Vergleich zum Taxi deutlich günstigere Fahrpreise.

This paper analyses the advantages that digitalization processes potentially bring to consumers and new market participants, if these markets are adequately regulated. First of all, the market entry of new providers of mobility services increases competition in markets for passenger transport which leads to an increase in supply and a decrease in prices. In a city such as Berlin the increase in consumer surplus amounts to 48 mio. Euro per annum, based only on expected price reductions. The price decrease is not mainly caused by Uber circumventing costly regulations, but rather by an increase in capacity utilization rates. While taxi drivers spend 72% of their time in Hamburg without passengers and 28% with them, Uber reaches utilization rates of up to 60%, i. e. about twice as much. This better utilization rates allow Uber to drop prices significantly.

Susanne Cassel, Tobias Thomas: Mehr Wettbewerb auf dem Taximarkt zulassen

Politikanalyse

  • Der deutsche Taximarkt ist durch ein Konzessionssystem und staatlich festgelegte Preise umfassend reguliert, so dass kaum Wettbewerb herrscht.

  • Technischer Fortschritt sowie neue Mobilitätsanbieter ermöglichen bessere Angebote für die Kunden, die allerdings aufgrund der derzeitigen Regulierung nicht realisiert werden können.

Politikempfehlung

  • Freien Marktzutritt durch Abschaffung des Konzessionssystems sowie des Verbots zur Fahrgastaufnahme außerhalb des Pflichtfahrbereichs erlauben.

  • Freie Preisbildung durch Aufhebung der Tarifpflicht ermöglichen.

The German taxi market is comprehensively regulated by a system of concessions and government-fixed prices, so that hardly any competition exists. Technical progress and providers of new mobility concepts allow better offers for customers. However, because of the current regulation they cannot be realized. Based on this analysis, policy should enable free market access by abolishing the concession system and the prohibition to take on passengers outside of the mandatory driving zone. In addition, free pricing should be enabled by abolishing compulsory tariff regulations.

Justus Haucap, Susanne Cassel, Tobias Thomas: Chancen der Digitalisierung nutzen

Die Digitalisierung bringt Produkt- und Prozessinnovationen sowie neue Geschäftsmodelle hervor und bietet erhebliche Wachstumschancen. Zumindest kurzfristig intensiviert sich der Wettbewerb. Durch Plattformmärkte kann es allerdings längerfristig zu einer hohen Marktkonzentration kommen. Maßgeschneiderte Angebote durch Big Data wiederum bieten sowohl Chancen als auch Risiken. Daher sollte die Politik in erster Linie für offene Märkte und Transparenz sorgen. Neue Märkte und Technologien sollten nicht unter überkommene Regeln gezwängt und Besitzstände nicht perpetuiert werden. Stattdessen sollte der bestehende Rechtsrahmen überprüft und wenn nötig angepasst werden. Die jüngst beschlossene 9. GWB-Novelle trägt den Besonderheiten digitaler Märkte Rechnung.

Digitization creates product and process innovations as well as new business models and also offers substantial growth potential. At least in the short term, digitization enhances competition. However, in the longer term, platform markets can lead to higher market concentration. Big data allows for tailor-made solutions which offer opportunities but also bear risks. Based on this analysis, policy should ensure that markets stay open and are transparent. New markets and technologies should not be squeezed under rules that are obsolescent and vested rights should not be perpetuated. Instead, the existing legislation should be reviewed and adapted to the new circumstances where necessary. The recently adopted 9th amendment to the Act against Restrictions of Competition (GWB) takes into account the distinctive features of digital markets.