List Forum

List Forum 03/2018


Michael Hüther
Überlegungen zur makroökonomischen Koordination im Lichte der deutschen Erfahrungen: Geldpolitik und Lohnpolitik im Konflikt?

Florian Steidl, Berthold U. Wigger
Optimale Besteuerung von Tabakwaren

Manuel Frondel, Stephan Sommer
Der Preis der Energiewende: Anstieg der Kostenbelastung einkommensschwacher Haushalte

Helena Schneider
Wahrgenommene Lohngerechtigkeit in Deutschland. Leistung, Bedarf, Chancengerechtigkeit – Worauf basieren gerechte Löhne?

Eugen Wendler
Was kann die heutige Wirtschaftswissenschaft von Friedrich List (1789–1846) lernen? Teil IV: Die sieben Todsünden der Ökonomie aus der Sicht von Friedrich List

Susanne Cassel, Tobias Thomas
Mehr Wohlstand durch wissenschaftliche Politikberatung

Susanne Cassel, Tobias Thomas
Mehr Evidenzorientierung statt intuitiver Politikzugang

 

 

 Michael Hüther: Überlegungen zur makroökonomischen Koordination im Lichte der deutschen Erfahrungen: Geldpolitik und Lohnpolitik im Konflikt?

Die unkonventionelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank im deflationären Umfeld seit 2015 hat Kritik hervorgerufen, weil sie beachtliche Kolateraleffekte auslöst. Zugleich betonen der IWF und andere, dass dies solange angemessen sei, wie der Phillipskurven-Zusammenhang fundamental gestört ist. Damit rücken die Rolle der Lohnpolitik und die der makroökonomischen Koordination in den Mittelpunkt. Im Rückblick seit dem Ende von Bretton Woods wie im Befund für die Gegenwart wird der Frage nachgegangen, welche Rolle der Lohnpolitik im makroökonomischem Miteinander der Eurozone zukommen kann. Da die europäische Geldpolitik auf die Unterstützung der Lohnpolitik bei der Reflationierung nicht rechnen kann, muss sie – freilich mit Blick auf Nebeneffekte befristet und mit Augenmaß – bei deflationären Risiken unkonventionell handeln.

The unconventional monetary policy of the European Central Bank in the deflationary environment since 2015 has provoked criticism because it triggers considerable collateral effects. At the same time, the IMF and others emphasize that this is appropriate as long as the Phillips curve relationship is fundamentally disrupted. This puts the focus on wage policy and macroeconomic coordination. In retrospect, since the end of Bretton Woods, as in the findings for the present, the question of what role wage policy can play in the macroeconomic coexistence of the Eurozone today is explored. Since European monetary policy cannot count on the support of wage policy in reflationing, it must act unconventionally, albeit with a view to side effects on a temporary basis and with a sense of proportion, in deflationary risks.

Florian Steidl, Berthold U. Wigger: Optimale Besteuerung von Tabakwaren

Der vorliegende Beitrag charakterisiert zunächst ein optimal ausbalanciertes Tabaksteuersystem. Ein solches System trägt den Ausweichreaktionen auf der Nachfrage- und Angebotsseite im Tabakmarkt Rechnung, verfolgt gesundheitspolitische Ziele und berücksichtigt Verteilungseffekte der Tabakbesteuerung. Anschließend entwickelt der Beitrag anhand von zwei Fallstudien, Deutschland und Griechenland, eine Best Practice der Tabaksteuerpolitik. Die Studie zeigt, dass sich ein optimales Tabaksteuersystem dadurch auszeichnet, dass es differenzierte Steuersätze für verschiedene Tabakprodukte enthält. Neben stärker besteuerten Produkten wie Markenzigaretten enthält ein optimales Tabaksteuersystem geringere Steuersätze für Tabakprodukte wie etwa Feinschnitt.

The present paper first characterizes an optimal tobacco taxation scheme. Such a scheme takes account of tax avoiding responses of the demand and supply side in the tobacco market, pursues public health objectives and takes into account distributional effects of tobacco taxation. Subsequently, the paper develops a best practice of tobacco tax policy based on two case studies, Germany and Greece. The study shows that an optimal tobacco taxation scheme is characterized by differentiated tax rates for different tobacco products. In addition to more heavily taxed products such as branded cigarettes, optimal tobacco taxation includes lower tax rates for tobacco products such as fine cut tobacco.

Manuel Frondel, Stephan Sommer: Der Preis der Energiewende: Anstieg der Kostenbelastung einkommensschwacher Haushalte

Seit dem Jahr 2000 haben sich die Strompreise für private Haushalte mehr als verdoppelt. Von steigenden Stromkosten sind Millionen von armutsgefährdeten Haushalten besonders betroffen, weil diese Kosten regressive Wirkungen haben: Arme Haushalte haben einen größeren Anteil ihres Einkommens zur Finanzierung ihres Energiebedarfs aufzuwenden als wohlhabende Haushalte. Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag exemplarisch für einige Haushaltstypen mit geringem Einkommen, wie stark ihre Stromkostenbelastung in den Jahren 2006 bis 2016 relativ zu ihrem Einkommen zugenommen hat. Nach unseren Abschätzungen auf Basis empirischer Daten zum Energieverbrauch privater Haushalte mussten die von uns betrachteten armutsgefährdeten Haushaltstypen im Jahr 2016 allesamt mehr für Strom ausgeben als zur Deckung ihres Energiebedarfs zum Heizen und zur Warmwassererzeugung. Es muss davon ausgegangen werden, dass im Zuge der Energiewende der Strompreis auch in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Dies gilt insbesondere angesichts der stark gestiegenen Preise für Emissionszertifikate, die sich in der Steigerung der Börsenstrompreise bemerkbar machen. Damit stellt sich immer drängender die Frage nach Maßnahmen zur Abschwächung von weiteren Strompreisanstiegen und zur sozialen Abfederung ihrer regressiven Wirkungen.

Since the introduction of the Renewable Energy Act in 2000, the electricity prices of German households have doubled. This increase implies a particular burden for millions of poor households, as they have to spend a larger share of their income to cover their electricity cost than affluent households. For three types of low-income households, this article investigates the evolution of their electricity cost burden relative to their income. According to our estimations on the basis of empirical data on the energy consumption of German households, these types of households had to pay more for power in 2016 than for satisfying their energy demand for heating purposes. This stylized fact is all the more relevant as the electricity prices are most likely increasing further due to Germany’s energy transition. This prospect urgently calls for measures to dampen future electricity price increases and to reduce the regressive effects of former price rises.

Helena Schneider: Wahrgenommene Lohngerechtigkeit in Deutschland. Leistung, Bedarf, Chancengerechtigkeit – Worauf basieren gerechte Löhne?

Was der einzelne Arbeitnehmer verdient, hängt von vielen Faktoren wie der Arbeitsleistung selbst oder der Verfügbarkeit derselben ab. Ein Lohn, der ökonomisch betrachtet angemessen ist, muss nicht unbedingt als gerecht oder fair empfunden werden. Der Wahrnehmung von Lohngerechtigkeit kommt jedoch beispielsweise im Hinblick auf Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit große Bedeutung zu. Daher wird in der vorliegenden Analyse anhand von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2015 untersucht, wie die Beschäftigten in Deutschland ihr Brutto- und Nettoerwerbseinkommen bewerten. In der deskriptiven Analyse zeigt sich, dass sich eine Mehrheit der Beschäftigten gerecht entlohnt fühlt, der Nettoverdienst jedoch über alle Lohngruppen hinweg als ungerechter empfunden wird als der Bruttoverdienst.
Auch in einer auf Logit-Schätzungen beruhenden multivariaten Betrachtung wird deutlich, dass die Zahlung von Steuern und Sozialabgaben einen negativen Einfluss auf das Gerechtigkeitsempfinden ausübt. Die Aussicht auf Transferzahlungen kann den negativen Effekt der Zahlung von Abgaben selbst bei Niedrigverdienern nicht abschwächen, sondern wirkt sich sogar zusätzlich negativ auf das Gerechtigkeitsempfinden aus. Neben den beschriebenen Umverteilungsmechanismen haben Leistungskomponenten wie die Berufserfahrung oder der Erwerbsstatus einen entscheidenden Einfluss auf die empfundene Lohngerechtigkeit. Bedarfskomponenten – wie die Anzahl der Kinder oder der Familienstand – fallen weniger ins Gewicht. Eine hohe Bedeutung kommt zudem der empfundenen Chancengerechtigkeit zu. Schätzt ein Beschäftigter die Chancen auf Bildung und Zugangsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt als gerecht verteilt an, ist die Wahrscheinlichkeit für eine empfundene Lohngerechtigkeit deutlich erhöht. Auch eine Tarifbindung wirkt sich positiv auf die individuelle Gerechtigkeitsbewertung des Erwerbseinkommens aus.

How much workers earn depends on various factors, such as the individual performance or the availability of skilled labour. Even if it is economically reasonable to differentiate between several wage levels, employees do not automatically accept differences in wages. Still, with regard to job motivation and satisfaction, it is important that employees consider their own wages to be fair and just. Therefore, the following analysis deals with the perceived wage justice of employees in Germany. Based on German Socio-Economic Panel data, it becomes clear that most workers regard their wages as fair in 2015. In general, gross earnings are evaluated more positively than net earnings.
The negative impact of tax and social security contribution payments on the perceived wage justice also turns out in a multivariate logit regression. Furthermore, it appears that transfer payments influence the perceived wage justice even in lower income levels negatively. The regression analysis also highlights the importance of performance criteria. Besides age representing the work experience of individuals, the employment status has a significant impact on the perceived wage justice. Criteria of social needs, such as the marital status or the number of children, seem to be less relevant. In addition, the belief that opportunities are equally distributed within a country has a positive effect on the probability of an experienced wage justice. Finally, a positive evaluation of the own remuneration becomes more probable if wages are based on a collective agreement.

Eugen Wendler: Was kann die heutige Wirtschaftswissenschaft von Friedrich List (1789–1846) lernen? Teil IV: Die sieben Todsünden der Ökonomie aus der Sicht von Friedrich List

In der Scholastik hat Petrus Lombardus die Lehre von den sieben christlichen Todsünden aufgestellt. Wer sich in dieser Beziehung schuldig mache, dem gehe nach seinem Ableben die Gnade der Erlösung verloren und der lande unwillkürlich im Fegefeuer. In Analogie dazu kann man im literarischen Werk von Friedrich List sieben ökonomische Verfehlungen feststellen, die man ebenfalls als Todsünden bezeichnen kann, weil sie Krebsgeschwüre sind, die der ganzen Menschheit Schaden zufügen und – wenn nicht gegengesteuert wird – ihren Untergang besiegeln werden. Diese sog. sieben Todsünden der Ökonomie sind: die Bestechung oder Korruption, körperliche Schwerstarbeit, insbesondere übermäßig anstrengende Frauen- und Kinderarbeit, Ausbeutung von Arbeitnehmern durch Fabrikanten und andere Unternehmer, Sklaven und Drogenhandel, Habgier und Spekulationssucht, Natur- und Umweltzerstörung sowie nationale Hybris und nationaler Egoismus. In dem von mir im Jahre 2014 veröffentlichten Buch: „Friedrich List im Zeitalter der Globalisierung“ habe ich zum ersten Mal den Versuch unternommen, „Die sieben Todsünden der Ökonomie aus der Sicht von Friedrich List“ (Wendler 2014, S. 89–104) darzustellen. Die damalige Betrachtung bildet auch die Grundlage für die vorliegenden Ausführungen, die allerdings in wesentlichen Punkten verändert und konkretisiert werden.

In the scholastic, Petrus Lombardus introduced the doctrine of the seven deadly sins. Those, who are found guilty in this regard, cannot find salvation and will automatically have to go to purgatory. Analogous to this, Friedrich List determines seven economic misconducts, which can likewise be described as deadly sins, as they behave like cancer harming all humankind and, if no countermeasures are introduced – can eradicate society. These so-called deadly sins include bribery and corruption, heaviest physical labour (particularly women and child labour), exploitation of employees, slave trade and drug trafficking, greed and the desire to speculate, environmental degradation as well as selfishness and hubris.

Susanne Cassel, Tobias Thomas: Mehr Wohlstand durch wissenschaftliche Politikberatung

Wissenschaftliche Politikempfehlungen und Entscheidungen in der Politik unterscheiden sich oft deutlich. Dabei spielt wissenschaftliche Politikberatung in einer komplexeren Welt mit nahezu unbegrenzten Kommunikations- und Publikationsmöglichkeiten eine zunehmend wichtige Rolle. Neben der Politik ist die Öffentlichkeit erster Adressat wissenschaftlicher Politikberatung. Jedoch fehlt es oft an ökonomischem Grundverständnis. Damit wissenschaftliche Politikberatung ihre Wirkung entfalten kann, sollte (1.) der Wettbewerb in der Wissenschaft gesichert und für qualitativ hochwertige Forschung für die Politikberatung gesorgt werden. Zudem sollten (2.) die ökonomische Grundbildung für Journalisten und die Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge in Schulen verbessert werden. Schließlich sollte (3.) die Medienkompetenz von wissenschaftlichen Politikberatern erhöht und eine stärkere Medienpräsenz erreicht werden.

Scientific policy recommendations and policy decisions often differ significantly. Scientific policy advice plays an increasingly important role in a complex world with almost unlimited possibilities for communication and publication. In addition to politicians, the public is the first addressee of scientific policy advice. However, there is often a lack of basic economic knowledge. For scientific policy advice to be effective, (1) competition within the scientific community should be ensured and high-quality research for policy advice should be provided. In addition, (2) basic economic education for journalists and the teaching of economics in schools should be improved. Finally, (3) the media literacy of scientific policy advisors should be increased and a stronger media presence should be achieved.

Susanne Cassel, Tobias Thomas: Mehr Evidenzorientierung statt intuitiver Politikzugang

Parteien schlagen gerade in Wahlkampfzeiten immer wieder Konzepte vor, denen offensichtlich die ökonomische Grundlage fehlt. Vielfach sind die in den Programmen vorgeschlagenen Versprechen gar nicht einlösbar. Dennoch werden Parteien dafür von den Wählern oft nicht abgestraft. Ein Grund hierfür ist, dass Wähler sich bei der Stimmabgabe von Lieblingshypothesen leiten lassen, auch wenn diese nachweislich nicht der Realität entsprechen. Menschen bilden sehr schnell eine erste Intuition über Zusammenhänge und verteidigen diese vehement, auch wenn sie sich im Nachhinein als falsch erweist. Das kann sich negativ auf die Qualität politischer Programme auswirken. Um dem entgegenzuwirken, sollte eine unabhängige, evidenzbasierte wissenschaftliche Politikberatung gestärkt werden. Zudem sollten Politikmaßnahmen systematisch wissenschaftlich evaluiert und Ergebnisse verständlich an Politik und Öffentlichkeit kommuniziert werden.

During election campaigns political parties are often proposing concepts which evidently lack the economic basis. In many cases, the promises made in the programs cannot be fulfilled. Nevertheless, parties are seldom punished by voters. One of the reasons is that voters are guided by their favorite hypotheses, even if they are demonstrably out of touch with reality. People very quickly form a first intuition about relationships and defend it vehemently, even if in hindsight it turns out to be wrong. That can have a negative impact on the quality of political programs. To tackle this, independent, evidence-based scientific policy advice should be strengthened. In addition, policy measures should be systematically evaluated scientifically and the results should be communicated comprehensibly to politicians and the public.