List Forum

List Forum 01/2018

Heiko T. Burret, Yannick Bury, Lars P. Feld
Grenzabschöpfungsraten im deutschen Finanzausgleich

Thomas Ehrmann, Edesa Yadegar
Der Einfluss konkurrierender Verkehrsmittelalternativen auf den Schienenpersonenverkehr

Charles B. Blankart
Die Konsequenzen des Dr. Höpker-Aschoff für die deutsche Finanzverfassung

Eugen Wendler
Was kann die heutige Wirtschaftswissenschaft von Friedrich List (1789–1846) lernen? Teil III: Friedrich List als Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft

Susanne Cassel, Tobias Thomas
Entwicklungsländer durch Handelsliberalisierung stärken

Susanne Cassel, Tobias Thomas
Schulfach Ökonomie muss endlich kommen!

 

Heiko T. Burret, Yannick Bury, Lars P. Feld: Grenzabschöpfungsraten im deutschen Finanzausgleich

Im vorliegenden Beitrag werden die Grenzabschöpfungsraten des deutschen Finanzausgleichs für die Länder seit dem Jahr 1970 erstmals unter Berücksichtigung aller ihrer ausgleichsrelevanten Einnahmen berechnet. Die Ergebnisse zeigen die Effekte der Reformen der Finanzverfassung im Zeitverlauf auf die Grenzabschöpfung, insbesondere die Effekte des gewählten Ausgleichstarifs und des im Jahr 2005 eingeführten Prämienmodells. Insgesamt liegen die Grenzabschöpfungsraten durchgehend auf einem hohen Niveau, das vor allem bei den Nehmerländern an eine Vollabschöpfung zusätzlicher Steuereinnahmen heranreicht. Die Ergebnisse wurden zwar allgemein erwartet, ein Beleg für die Erwartung lag bisher jedoch noch nicht vor. Während die Diskussion um die Wirkungsweise der Grenzabschöpfungsraten auf das (Fiskal‑)Verhalten der Landespolitik bisher im Wesentlichen auf theoretischen Überlegungen basiert, liefert der Beitrag eine geeignete Datengrundlage, um die (Fehl‑)Anreize der Grenzabschöpfungsraten einer empirischen Überprüfung zu unterziehen.

The paper is the first to calculate the marginal rates of contribution in the German fiscal equalization scheme, i. e., the rates at which additional revenues are skimmed via larger contributions or lower transfer receipts, since 1970 by taking into account all relevant revenues. The results show the effects of the reforms of the fiscal constitution, in particular of the changes in the equalization rate and the introduction of the bonus scheme, on the rates of contribution. Overall, the marginal rates of contribution have been consistently at a high level, which is almost offsetting any additional tax revenue, especially in the recipient states (Laender). While the findings have been widely expected, evidence has been missing so far. The paper provides, for the first time, a suitable data basis allowing for investigating the (adverse) effects of high contribution rates on the (fiscal) decisions of the political actors.

Thomas Ehrmann, Edesa Yadegar: Der Einfluss konkurrierender Verkehrsmittelalternativen auf den Schienenpersonenverkehr

Die Fortentwicklung der Digitalisierung stellt viele Branchen vor neue Herausforderungen. Unternehmensgründungen in damit verbundenen Bereichen werden oftmals als so revolutionär angesehen, dass man ihnen die Änderung der Geschäftsmodelle gesamter Branchen zutraut. Insbesondere für jene Unternehmen im Verkehrsbereich, die mit neuen Softwarelösungen verbunden sind, stellen sich Fragen sowohl nach der Stabilität der neuen Geschäftsmodelle als auch nach den Auswirkungen, die sie jeweils auf etablierte Anbieter und deren Angebote haben werden. Basierend auf einer empirischen Untersuchung geht dieses Papier diesen Fragen nach. Es widmet sich insbesondere den Auswirkungen des Car- und Ridesharings sowie des Fernbusverkehrs auf kundenseitiges Nutzungsverhalten in Bezug auf Personenverkehrsalternativen unter besonderer Berücksichtigung des Schienenpersonenverkehrs und gibt anschließend einen Ausblick über mögliche Szenarien der Zukunft. Die Analyse der neuartigen Nutzung von Verkehrsmitteln und die hierbei zu erwartenden Auswirkungen auf die Nachfrage nach Hochgeschwindigkeitszügen erfolgt anhand eines Fragebogens, der auf sieben hochfrequentierten innerdeutschen Strecken basiert sowie auf Charakteristika, die den jeweiligen Kundenpräferenzen zu Grunde liegen. So stellen die genannten Alternativen aktuell und auch in absehbarer Zeit zwar noch ein Nischenangebot dar, wirken sich jedoch bereits jetzt verschärfend auf die Preisentwicklung der traditionellen Verkehrsmittelanbieter aus. Neue Verkehrsmittelangebote wie Fernbusse vergrößern bereits bei geringen intermodalen Marktanteilen den Preisdruck bei etablierten Anbietern und verringern die erreichbaren Margen. Angebotsseitig existieren im Nahverkehr hingegen nur geringe Möglichkeiten, die Verkehrsmittelwahl der Kunden zu beeinflussen.
 
Many industries are faced with huge challenges due to the advancement of digitalisation. Start-Ups within these fields are seen as disruptive and are thought to be capable of changing business models of entire industries. Challenges have to be met, especially in those companies of the transportation sector that are linked to novel software solutions, regarding both the stability of those new business models and the possible impact they might have on established companies and their supply. This paper addresses these questions based on an empirical survey. It concentrates on the consequences which both car- and ridesharing as well as long-distance busses might have on customer-specific usage of public transportation with particular consideration of rail passenger services. Prospects of possible scenarios are given subsequently. The analysis of novel means of transportation and their impacts on usage of high-speed trains uses a questionnaire based not only on seven highly-frequented routes within Germany but also on characteristics which underlay current customer preferences. Even though all mentioned alternatives constitute both short and long term in the present and the foreseeable future a niche offering, they already affect the price development of traditional transportation providers. Novel supply in the transportation sector such as long-distance busses enlarges pricing pressure of incumbent suppliers even in case of minor intermodal market share and reduces reachable margins. At the same time only few opportunities exist on the supply-side to influence customers’ modal share in local traffic.

Charles B. Blankart: Die Konsequenzen des Dr. Höpker-Aschoff für die deutsche Finanzverfassung

Verträge von Dauer müssen auf Konsens beruhen. Oktroyierte Verträge führen zu Streit und zu Konflikten. John Maynard Keynes beschreibt diese These am Beispiel des Versailler Friedensvertrags von 1919, der nach verbreiteter Ansicht die Saat vom Ersten um Zweiten Weltkrieg legte. Im vorliegenden Aufsatz wird der deutsche Föderalismus behandelt, wie er im Parlamentarischen Rat vor 70 Jahren beschlossen worden ist und wie er die deutschen Länderhaushalte und den Bundeshaushalt jährlich in Milliardenhöhe belastet. Der neue Finanzausgleich, der ab 2020 gilt, hat Kosten in ähnlicher Höhe und droht weiter zu wachsen.

Economists welcome good theories. Little attention is given to bad theories though they can cause disastrous consequences. J. M. Keynes was witness of such a tragedy when he participated as an observer of the British government at the peace conference of Versailles after World War I in 1919. Keynes understood that peace could not be dictated by one party, but could only be achieved in a consensus between the formerly conflicting governments. This logic was, however, not understood by the French participants of Versailles who thought that they could achieve peace by command, but in reality they prepared the path to Word War II. The present paper investigates another deficient theory: The fiscal constitution of the Federal Republic of Germany after World War II. In a first step, the German Länder governments have drafted a fiscal constitution for West Germany based on self-responsibility. Then, in a second step, self-responsibility has been removed in favour of a fiscal constitution with joint responsibility and moral hazard.

Eugen Wendler: Was kann die heutige Wirtschaftswissenschaft von Friedrich List (1789–1846) lernen? Teil III: Friedrich List als Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft

In diesem Artikel wird die These vertreten, dass man Friedrich List in vielerlei Hinsicht als Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnen darf. Im Einzelnen geht dieser Beitrag auf die historischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft, die schwierige Begriffsbestimmung, Lists Maxime „Durch Wohlstand zur Freiheit“, das soziale Gewissen von Friedrich List, die charakteristischen Merkmale der Sozialen Marktwirtschaft und deren theoretische Entsprechung in Lists Gedankengebäude, das Magische Sechseck der Sozialen Marktwirtschaft und schließlich auf jüngere empirische Befunde zum Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft näher ein. 
 
This article focuses on the various arguments of why Friedrich List can be considered the pioneer of the social market economy. First, the historical origins of the social market economy, the difficulties of the definition of the term List’s maxim “from prosperity to liberty” as well as the social conscience of List is discussed. In addition, this article highlights the characteristics of the social market economy in the context of List’s approach and presents the Magical Hexagon of the social market economy in this context. Finally, new empiric findings in relation to the success of the social market economy are presented.
 
  • Politikanalyse
    • Die Entwicklungsländer sind seit 1980 schneller gewachsen als je zuvor und haben enorme Fortschritte bei der Armutsreduktion, der Erhöhung der Lebenserwartung und der Bildung gemacht.
    • Entwicklungshilfezahlungen machen nur einen geringen Anteil am Einkommen der Empfängerländer aus und haben nur geringen Einfluss auf das Wachstum.
    • Die Entwicklungshilfe ist national und international wenig koordiniert.
  • Politikempfehlung
    • Entwicklungsländer stärker in die internationale Arbeitsteilung, insbesondere den internationalen Handel, einbinden.
    • Entwicklungshilfe stärker auf Beratung mit Fokus auf wachstums- und investitionsfreundliche Bedingungen ausrichten.
    • Entwicklungshilfe stärker fokussieren und international koordinieren.

Foreign aid and development cooperation should help to improve the living conditions and economic chances of people in poorly developed countries. In the current discussion, it is claimed to shift the focus to the causes of migration in the countries of origin in order to reduce migration flows. However, the impact of foreign aid should not be overestimated as its share of the recipient countries’ income is generally relatively low. A better development policy would consist in involving the poorly developed countries more closely in the international value chain and in international trade. This requires further trade liberalization – above all the opening of industrialized countries’ markets for products from developing countries. In addition, foreign aid should be geared more towards advice and technical assistance, as well as towards the improvement of framework conditions that foster growth and investment


Susanne Cassel, Tobias Thomas: Schulfach Ökonomie muss endlich kommen!

  • Politikanalyse
    • Das ökonomische Grundwissen von Schülern in Deutschland ist unzureichend.
    • Ökonomische und wirtschaftspolitische Zusammenhänge werden in den meisten Schulen von fachfremden Lehrkräften als Teilgebiet in unterschiedlichsten Fächern unterrichtet.
    • Unterrichtsmaterialien für den Wirtschaftsunterricht entsprechen oftmals nicht modernen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Anforderungen.
  • Politikempfehlung
    • Einrichtung eines Schulfaches Ökonomie an allen allgemeinbildenden Schulen mit einem fachwissenschaftlich und fachdidaktisch fundierten Kerncurriculum.
    • Deutschlandweit eigenständige Studiengänge für Ökonomielehrer.
    • Verwendung qualitativ hochwertiger Unterrichtsmaterialien für den Ökonomieunterricht.
    • Teilnahme Deutschlands an der PISA-Studie zu Ökonomiekenntnissen.

Today, more than ever economic education is necessary to be able to act responsibly as a worker, consumer, taxpayer and, last but not least, as voter. The European sovereign debt crisis has shown how important economic knowledge is. Although it affects every citizen, many have a lot of problems to form a well-founded opinion about the measures that are discussed and implemented. The same holds true for other economic policy issues. Economics as a proper school subject at all general schools in Germany would convey economic knowledge in a systematic and scientifically sound way to all pupils. However, a precondition for success would be an independent academic training for economics teachers throughout Germany and the use of scientifically substantiated textbooks.